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Heines Gedicht, "Es traeumte mir von einer Sommernacht" 1

 投稿者:Namiki  投稿日:2008年12月29日(月)19時41分3秒
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          Heines Gedicht, „Es träumte mir von einer Sommernacht…”1)
                                                                                    NAMIKI Takeshi

1.0. Dieses Gedicht,das als Heines „letztes”2)gelten und „nur zwei oder drei Wochen vor seinem Tode”3)geschrieben worden sein soll,ist wegen seiner Besonderheit der Entstehungszeit und seiner Problematik des Inhalts eines der wichtigsten Werke in Heines Spätzeit,ja,in seinem ganzen Leben. Die Entstehungszeit kann man nur ungefähr auf die Zeit zwischen dem November 1855 und dem Januar des folgenden Jahres begrenzen,weil es keine andere überzeugenden Materialien außer denen Seldens und Meißners gibt. Das Gedicht wurde von Heine selbst der letzten Geliebten „Mouche”(Elise Krinitz 1828?−1896,Pseudonym Cami11e Selden),übergeben. 4)
1.1. Die Geschichte der bisherigen Textkritik und der Untersuchungen zu den Handschriften5)dieses Gedichts kann man wie folgt zusammenfassen.
1.1.1. Die letzte Handschrift,die in der Hand Elise Krlnitz gewesen sein und dann von dem Hamburger Heine-Verlager Hoffmann und Campe besessen worden sein soll,ist später verlorengegangen. Nachdem A. Meißner den ersten Text aufgrund dieser Handschrift gedruckt hat, haben sich verschiedene,ungenaue Texte indessen weit verbreitet. Erst nach der langen textkritischen Arbeit von Lachmann,Elster,Loewenthal6)u.a. entstand unser heutiger Text. Noch heute gibt es zwar mehrere Unterschiede und Varianten zwischen den Ausgaben nach
dem zweiten Weltkrieg. Im folgenden Aufsatz aber werden solche Versionen eine nicht so große Rolle spielen.
1.1.2. Die Handschnft,die die Universität Harvard heute besitzt, kann man wegen der äußeren Form und vieler Unterschiede zu dem heutigen Text nicht als die letzte ansehen. Sie soll vielmehr als die erste gelten(im folgenden „EH”).
1.1.3. In der französischen Übersetzung von C. Selden(Im folgenden „FÜ”)7)gibt es zwei Strophen,die im deutschen Text nicht enthalten sind. Aber es ist fast unmöglich zu entscheiden,ob diese Strophen zu Heines Original gehören oder nicht.
l.2. Nach dem Bericht Seldens soll ein Traum,den Heine hatte,ihm den Stoff zu diesem Gedicht gegeben haben.

     Er war tot,lag starr und unbeweglich in einem prachtvollen Mausoleum,
     das der Meißel in vollendet schöner Form aus dem kostbarsten Marmor
     gebildet hatte, und dessen wundervolle Reliefbilder abwechselnd
      großartige und groteske Szenen,heilige und lächerliche Personen
      darstellten.〔…〕Was die Merkwürdigkeit der Szene erhöhte,war eine
      Blume von dunkler Farbe,die am Fuße des Sarkophags wuchs,mit einzigen
     Blüte zwischen den lanzenförmig geschnittenen B1ättern, in deren
      blassem Kelche man deutlich alle Marterwerkzeuge aus der Passionszeit
      erkannte. Plötzlich belebt sich die Blume und nimmt menschliche Züge
     an. Ein süßes,trauriges Antlitz beugt sich liebevoll aber den toten
     Mann,und dieser erkennt sogleich die wohlbekannten Züge.8)

Dieser Bericht bildet einen einigermaßen genauen Umriß dieses Gedichts bis zur Mitte. Selden konnte ihr Gedächtnis nach dem gedruckten Text korrigieren und ergänzen. Heine hat,wie gut bekannt,seit seiner frühesten Zeit viele Träume gehabt und viele Traumgedichte gedichtet. Die Rahmenstruktur des Traums wie in diesem Gedicht kann man schon in dem Gedicht „Seegespenst”im Nordsee-Zyklus des „Buch der Lieder”9)finden. Deshalb kann der Leser dieses Gedichtes auch diesmal in die Welt Heines ganz einfach hineinkommen. Diese Reaktion scheint Heie selbst umgekehrt vom Leser zu erwarten. Die häufige Verwendung des Traums hat dem Dichter Heine die Möglichkeit gegeben,seine poetischen Phantasien ganz frei entwickeln zu lassen. So geht es auch diesem Gedicht „Es träumte mir von einer Sommernacht”, −der erste Traum−, ein toter Mann(= „Ich”selbst) hegt im Sarg eines offenen Marmorsarkophags,an dem eine Passionsblume steht. Die Blume verwandelt sich in ein Frauenbildnis(=die Liebste), −der zweite Traum−. „Wir”1ieben einander, aber „ich” erwacht aus dem zweiten Traum vom Lärm des Wettstreites zwischen den Figuren des Altertums und der Bibelwelt,die auf dem Sarkophag gemeißelt sind. Am Ende erwacht „ich”schließlich aus dem ersten Traum von dem Geschrei eines Esels.

2.0. Der Hintergrund des Gedichts ist dem Leser auch schon bekannt und vertraut aus den „Ruinen aus der Zeit Renaissance”(Str. 1). Man hat ähnliche Szene in seinen Werken schon oft gesehen.10)Die Idee,daß die Figuren aus dem Altertum und der Bibel nach- oder nebeneiander auftreten,gehört allerdings zu Heines  Originalität,wie man in diesem Aufsatz später sehen wird.
2.1. A. Meißner hat die Str. 4,die die Verse „Die Zeit,die schlimmste Syphilis,hat ihr/ Geraubt ein Stück der edlen Nymphennase”enthält,aus Sensibilität11)aus dem Erstdruck willkürlich ausgeschlossen. Außerdem aber muß man auch das Problem der Zensur berücksichtigen. Damals hat die Polizeidirektion in München die Zeitschrift „Deutscher Musenalmanach”wegen unzüchtiger Darstellungen in Heines Gedichten „Lied der Marketenderin”und „Das Hohelied”beschlagnahmt.12) Später(1884) hat Selden diese Strophe in Deutschland auch nicht gedruckt,13)obgleich sie sie in die FÜ aufgenommen hat. Bei der Abfassung dieser Strophe wird Heine solche „schulmäßigen oder ästhethaften”14)Reaktionen schon vorhergesehen haben. Er hat hier vielmehr die bürgerliche Moral und den Ästhetizismus bewußt provoziert.
2.2. In den Str. 6-15 sind die Figuren des Altertums und der Bibel dem Anschein nach objektiv geschildert. Wenn man sie aber noch genauer untersucht,wird man bemerken,daß er um die beste Metrik bemüht ist und jede Figur mit feinster Aufmerksamkeit gestaltet. Über den Ese1 Balaams(eigentlich die Eselin Bi1eams in „Das vierte Buch Moses 22”) schreibt Heine ausführlich: „Der Esel war zum Sprechen gut getroffen”(Str. 10). Heine scheint hier dem Esel gegenüber neutral zu sein. Er läßt hier den Leser bloß erwarten: der Esel solle etwas sprechen. Darum ist der Wiederauftritt des Esels am Ende des Gedichts sehr effektvoll.
2.3. Selden hat den zweiten Vers der Str. 14 so übersetzt: „au pied de la montagne,Israël adore le veau d’or”, d.i. sie hat „0chsen”mit dem goldnen  Kalb verwechselt. Sie scheint sich an dem Gedicht „Das goldne Kalb”, in dem das ein goldnes Kalb verehrende Volk Israel kritisch dargestellt ist,l5)erinnert zu haben. In den ersten zwei Versen ist das Volk Israel mit seiner Viehherde am Berg Sinai ganz einfach dargestellt. 16)Davon kann man sich mit einem Blick auf einen der Entwürfe der EH überzeugen.

     Dann wieder ist Sinai zu sehn
     Die Kinder Israel die Orthodoxen
     Mit offnem Munde dort am Berge stehn
     Mit ihren Lammerherden,Kuhen,Ochsen

Aus diesem Entwurf hat Heine nur das Wort „0chsen” beibehalten und das Wort „die Orthodoxen”,das sich mit „0chsen” reimt,von der Zeit Moses in die Zelt Jesus geschoben.
2.3.1 „Das Evangelium nach Lukas II”berichtet, daß der zwölfjährige Jesus unter den jüdischen Lehrern fleißig gelernt haben soll. Hier kann man auch eine Verschiebung des Inhalts von der Bibel zu Heine erkennen: die Lehrer→die Orthodoxen und lernen→disputieren. Dann ist diese Str. 14 eine Anspielung auf die folgende Strophe des Gedichts „Disputation”in „Romanzero”.

     Thomas von Aquino sagt es,
     Den man nennt den großen Ochsen
     Der Gelehrsamkeit,er ist
     Licht und Lust der Orthodoxen.17)

In diesem Gedicht streiten sich ein Kapuziner und ein Rabbiner heftig um die Souveränität ihrer eigenen Lehre über die der anderen. Am Ende wird es klar,daß die beiden Disputierenden „stinken”und ihre Disputation selbst verdächtig ist. Thomas von Aquino und seinen Spiritualismus hat Heine in „Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland”streng kritisiert.18)
2.3.2. Das Wort „0chs” benutzt Heine auch in dieser Periode oft als ein Schimpfwort wie in den Gedichten „Im Oktober 1849”, „König Langohr I.”und „Duelle”.19)In dieser Str. 14 kritisiert er die Orthodoxen, indem er diese sich mit „0chsen”reimen läßt, obgleich das Wort „0chsen”selbst innerhalb der ersten zwei Verse eigentllch keine ironischen Töne gehabt hat. In dem oben genannten Entwurf wird das Volk Israel auch als die strenggläubigen Orthodoxen und dann die Kirche als ein Symbol der Autorität ironisch kritisiert.

3.0.  In der Str. 16 bemerkt „ich”,daß der tote Mann im Sarg „ich”selber sei. Nach der gestrichenen Nummerierung in den Blättern der EH sollten die Str. 30ff der Str. 16 sofort folgen und die Strophen von 17 bis 29 etwas später oder früher geschrieben worden sein.
3.1. In den Strophen 17 bis 20 wird die Herkunft der Benennung der Passionsblume ausführlicher als in „Die Romantische Schule”20)erklärt,damit die Sympathie des Lesers mit dem mit den verschiedenen Instrumenten gefolterten Jesus stark erregt wird. Dann wird hier die Täuschung verursacht,daß der tote Mann(=„ich”)der Märtyrer Jesus selbst ist. Die „Über meinem Leichnam niederbeugende”(Str. 21)Passionsblume,die sich in der Str. 22 in ein Frauenbildnis verwandelt, sei die Gottesmutter Maria. Hier kann man das Wort Frauentrauer”leicht auf die trauernde Frau Maria beziehen.21)Heine scheint diese Täuschung des Lesers zu erwarten und sich selbst mit dem Märtyrer Jesus,wenigstens in diesem Augenblick,ganz flüchtig Identifizieren zu wollen. Er hat eine besondere Neigung zu dem Heiland Jesus sein ganzes Leben verspürt. Das gemischte Gefühl von Innigkeit, Mitleid und Verehrung hat zu dieser Neigung gehört,wie man es z. B. in dem Gedicht „Frieden”des „Buch der Lieder”, im Kapitel VI der „Stadt Lucca”, im Caput XII im „Deutschland. Ein Wintermärchen”,in den „Geständnissen”u. a.22)finden kann. Aber diese Täuschung wird nicht so lange dauern,weil das Frauenbildnis sich als „die Liebste”schon in der Str. 22 ankündigt und das Wort „Frauentrauer”nur einen allgemeinen Sinn als Substantiv hat, wie man einen gestrichenen Ausdruck „wie mit Frauentrauer”in der EH findet.
3.1.1. Außerdem nennt Heine in der Str. 20 alle Folterinstrumente sachlich der Reihe nach und bezeichnet er das Folterkammer als „Requisiten der Passion”. Bei dieser Darstellung handelt es sich um eine Szene in einem verdächtigen Passionsspiel. Dies ist eine strenge Kritik an denjenigen,die solche Spiele erdichtet haben und ausnutzen wollen.
3.1.2. Nach Selden soll die Passionsblume bei Heine „das ferne Vaterland”23), Deutschland,bedeuten. Die Blume steht zwar bei Heine flüchtig für Deutschland mit schönen Erinnerungen,oder seine Mutter Betty,die über sein frühes Versterben klagen wird, oder die Gottesmutter Maria, die um den gekreuzigten Jesus „trauert”. Aber sie bedeutet eigentlich Mouche, Heines letztes Geliebte,wie die meisten Interpreten festgestellt haben.
3.2. In den Strophen nach 23 ist die Beziehung zwischen dem in der Matratzengruft liegenden Heine und Mouche aufs extremste idealisiert dargestellt. In dem Gedicht „Worte! Worte! keine Taten!”und in einem Brief an Mouche24)ist ein dringendes Bedürfnis nach der Liebe mit Tat ausgedruckt. Hier aber werden die Schamlosigkeit und Unfähigkeit des Wortes und die Wichtigkeit des Gedankens betont und die Stärke der Liebe zwischen „ich”und der Liebste wiederholt behauptet. In den zwei hinzugefügten Strophen der FÜ nach der Str. 26 wird dieses Motiv weiter entwickelt. Es ist heute nur schwer klar zu machen, warum Meißner die Str. 26 beim Erstdruck ausgestoßen hat. Es hatte vielleicht mit dem Wort „Feigenblätter”zu tun,weil dieser Ausdruck für die Atmosphäre dieser Szene unpassend sein würde.
3.2.1. In der Str. 28 und 29 ist geschildert, daß die Welt im „lautlosen Zwiegespräch”ausschließlich dem Liebespaar gehört und dem Dritten kein Raum mehr bleibt,sich darin einzumischen. Dazu trägt das siebenmal wiederholte Wort“frag(-e)”bei,das wirkungsvolle Reime bildet. So verbinden sich „ich”und die Liebste,gewinnen „die Seligkeit”und genießen „die beste Wollust”. Diese Verbindung des toten Mannes=„ich”=Heine und der Passionsblume=der Liebsten=Mouche symbolisiert die Versöhnung des Todes und des Lebens(=der Liebe) und dann,wie man später in diesem Aufsatz noch ausführlicher lesen wird,die der Wahrheit und der Schönheit und auch die der Nazarener und der Hellenen.
3.3. Heine hofft in der Mitte dieses Gedichts, in den Str. 23-31,auf die Verwirklichung seines persönlichen Bedürfnisses und seiner gedanklichen Ideal. Man kann diesen Teil als einer der schönsten Teile der Lyrik in der deutschen Dichtung schätzen.25) Andererseits aber behält Heine auch hier einen objektiven und ironischen Standpunkt bei, ohne von der lyrischen Atmosphäre gelähmt zu werden. Indem er den Ausdruck wiederholt, daß die Episode mit der Passionsblume „im Traum”geschieht, muß er zugestehen, daß das Bedürfnis und das Ideal ganz schwer zu verwirklichen sind.
 

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