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drangsalierten Juden. Es ist klar,daß Heine in unsrem Gedicht auch auf das Prosawerk anspielt. Außerdem könnte man auch annehmen,daß Heine hier den schwerkrank liegenden Dichter,sich selbst,anstelle der Juden,oder besser,als Symbol des vertriebenen,unter der Übermacht Gottes leidenden Volks zu den “guten Christen,” den “Söhnen des Glückes,” sieht. Deshalb kann man feststellen,daß Heine sich im Verlauf der Auseinandersetzung mit diesem Gott in den Strophen von 6 bis 9 an Hiob immer mehr annähert,d.i. dem oben nicht verneinten Evangelium immer mehr zur Seite rückt und der Schatten des jüdischen Gottes,Jehova,immer größer wird. Daher kann man feststellen,daß Heine hier in der Auseinandersetzung mit Gott,einerseits zwar “sich Gott nicht aufgibt” und dann bei ihm“Distanz und geistige Freiheit trotz aller Auswegslosigkeit entstehen”32) bzw. “a God whom the poet acknowledges but before whom he cannot all will not abdicate the pride of his reason,”33) andererseits aber er “die gräßlichste Form seiner Auflehnung gegen das Geschick,gegen das Weltschicksal”zeigt,d.i. “selbst dieser Klageschrei des ans Bett gefesselten Prometheus34) ist blasphemisch,denn er wendet sich doch wieder an einen geglaubten Weltlenker,mit dem er verzweifelt rechnet.”35) 0der man kann auch sagen; Heine schmeichelt Gott hier nur wie ein Kind um, oder, er beklagt den tierquälenden Gott,bloß seine eigenen Leiden zu lindern,obwohl seine Äußerungen immer blasphemische Aspekte enthalten,d.i. Heine führt hier nur eine große Rede gegen Gott. Und dieser Gott war für ihn ein guter Spiel- bzw. Gesprächspartner.36)
9. 5. Die Vorstellung “Miserere” kann man auch wieder im “Wintermärchen” und zwar im Caput 1 finden.
Ein neues Lied,ein besseres Lied,
Es klingt wie Flöten und Geigen!
Das Miserere ist vobei,
Die Sterbeglocken schweigen.(HSA Bd. 2 S. 298)
Die Situation ist total verkehrt geworden. Heine ist sich schon sicher bewußt,daß seine Krankheit sehr kritisch ist. Er hört nun den eigenen Bußpsalm “Miserere” gesungen und die Sterbeglocken läuten. Trotzdem und deshalb konnte und mußte Heine weiterhin viele schöne Gedichte schaffen,um mit der Todesangst zu kämpfen,und zwar noch mit einer gewissen geistigen Gelassenheit,mit vie1 “Humor” und Ironie,um mit verschiedenen Mythologien und mit seiner eigenen Vergangenheit zu spielen und den Schmerz des Leidens zu vergessen. Dazu gehört auch unser Gedicht,das schon klar wieder eine Anspielung auf Caput 1 mit jenem schönen Manifest des Sensualismus,den oben erwähnten Jesus-Caput 13 − es wäre nicht von Zufa11,daß der Jesus genau in der Mitte des Buches steht − und jenen Aristophanes- und Schluß-Caput 27 aus “Deutschland. Ein Wintermärchen”ist,zu dem es schließlich ein Gegenstück geworden ist.
10. Die “versifizierten” Geständnisse
Dieses Gedicht ist, wie man schon oben öfters gesehen hat, mit dem letzten Teil der “Geständnisse” nicht nur thematisch, sondern auch in mehreren Wortwendungen eng und direkt verbunden. Davon kann man sich beim ersten Blick auf das folgende Zitat sofort überzeugen;
Ich kann wie Romeo sagen: ich bin der <Narr des Glücks> ... Was nützt es mir,daß bei
<Festmahlen aus goldnen Pocalen> und mit den besten <Weinen> meine Gesundheit getrunken
wird,wenn ich selbst unterdessen,abgesondert von aller Weltlust,nur mit einer schalen
Tisane meine Lippen netzen darf! Was nutzt es mir,daß begeisterte <Jünglinge und Jung-
frauen> meine marmorne Büste mit <Lorbeeren umkränzen>,wenn derweilen meinem wirklichen
Kopfe von den welken Händen einer alten Wärterin eine spanische Fliege hinter die Ohren
gedrückt wird! Was nützt es mir,daß alle <Rosen> von Schiras so zärtlich für mich glühen
und duften ... Ach! Der <Spott Gottes> lastet schwer auf mir. Der große Autor des Weltalls,
der <Aristophanes> des Himmels,wollte dem kleinen irdischen,sogenannten deutschen
<Aristophanes> recht grell darthun,wie der witzigsten Sarcasmen desselben nur armselige
<Spöttereien> gewesen im Vergleich mit den seinigen,und wie kläglich ich ihm nachstehen
muß im <Humor>,in der colossalen <Spaßmacherei>.
Ja,die Lauge der Verhöhnung,die der Meister über mich herabgeußt, ist entsetzlich,
und schauerlich grausam ist sein <Spaß>. Demüthig bekenne ich seine Ueberlegenheit,und
ich beuge mich vor ihm <im Staube>. Aber wenn es mir auch an solche höchsten Schöpfungs-
kraft fehlt,so blitzt doch in meinem Geiste die ewige Vernunft,und ich darf sogar den
<Spaß Gottes> vor ihr Forum ziehen und einer ehrfurchtsvollen Kritik unterwerfen. Und da
wage ich nun zunächst die unterthanigste Andeutung auszusprechen,es wolle mich bedünken,
als zöge sich jener grausame <Spaß>,womit der Meister den armen Schüler heimsucht,etwas
zu sehr in die Länge; er dauert schon <über sechs Jahre>,was nachgerade langweilig wird...
(HSA Bd. 12 S. 84 f, Betonung<>: Namiki)
Diese thematische und wortwörtliche Identität der beiden Texte ist nicht von Zufa11,sondern beweist,daß Heine diese beide gleichzeitig bzw. direkt nacheinander,dann wahrscheinlich,zuerst die Prosa und hernach unser Gedicht,den Inhalt der Prosa zusammenfassend,geschrieben hat. In diesem Sinne kann man das Gedicht als die “versifizierten” Geständnisse bezeichnen, wie Heine einst sein schon öfters behandelten “Deutschland. Ein Wintermärchen”“versifizierte Reisebilder”37) genannt hat. Außerdem sollte man seine Aufmerksamkeit darauf richten, daß gegen Ende dieses letzten Teils, d.i. am Ende der “Geständnisse,” auch der Name “Lazarus” auftaucht,mit dem Heine selber die Serie von fünfzehn Gedichten zusammen mit unsrem betitelt,daß Heine in dieser Periode sich mit dieser Figur des auch schwer und lang leidenden Lazarus und auch mit der Hiobs öfters sich identifiziert hat 38) und daß er als Titel für die französische Ausgabe der Sammlung “Gedichte. 1853 und 1854” an “Das Buch Lazarus”(Le livre de Lazare)39)gedacht hat. Daher kann man unser Gedicht nach dem Inhalt und der Stellung in seinem Leben und seinen Leistungen auch als “Geständnisse eines Künstlers,”40) des Dichters Heines,bezeichnen .
Anmerkungen
In diesem Aufsatz habe ich die folgenden Heines Texte benutzt.
1) Heinrich Heine Säkularausgabe. Werke・Briefwechsel・Lebenszeugnisse. Hrsg. von den Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten der klassischen deutschen Literatur in Weimar und dem Centre National de la Recherche Scientifique in Paris 1970 ff. Im folgenden “HSA”.
2)Heinrich Heine. Historisch-kritische Gesmtausgabe der Werke. Hrsg. von M. Windfuhr. Hamburg 1975 ff. Im folgenden “DHA”.
3)Heinrich Heine. Sämtliche Schriften. Hrsg.von Kl. Briegleb. München 1976. Im folgenden “Briegleb”.
Auch die folgenden habe ich teilweise und je nach Notwendigkeit nachgesehen.
1)Heines sämtliche Werke. Hrsg. von E. Elster Leipzig 1890-1897.
2)Heines Werke in zehn Bänden. Hrsg. von 0. Walzel. Leipzig 1911-1920.
3) Heinrich Heine. Werke und Briefe in zehn Bänden. Hrsg. von H. Kaufmann. Berlin 1961-1964.
1) Vgl. HSA Bd. 3 S. 314.
2) Vgl. Die Handschrift und eine Reinschrift dieses Gedichts im Heinrich-Heine-Institut in Düsseldorf,dem ich für die Erlaubnis,sie einzusehen,und auch für andere Materialien herzlich danken möchte,und eine andere Reinschrift in Harward College Library/Cambrige.
3) “Rabbi von Bacherach.” III. Capitel. HSA Bd. 9 S. 82.
4) Vgl. Briegleb Bd. 6/II S. 92.
5) Vgl. DHA Bd. 3/2 S. 1509.
6) Vgl. oben Anm. 2) und DHA a.a.0. S. 1169.
7) Vgl. DHA a.a.0. S. 1169 u. 1509.
8) D. Martin Luther: Die ganze Heilige Schrift Deudsch. Wittenberg 1545(Nachdruck: München 1972). S. 917−936.
9) Shakespeare's dramatische Werke. Übersetzt von Aug. Wilh. von Schlegel und Ludwig Tieck,3. Aufl., Berlin l843,3. Bd. S. 194.
10) Vgl. Namiki,T.: Heines nachgelassenes Gedicht “Morphine”− Eine Untersuchung zu seinen Quellen und seiner Stellung in Heines Spätzeit − . In: Forschungsberichte der “Freunde von Weimar” Gesellschaft zur Förderung des wissenschaftlichen Austausches der Germanistik Japan-DDR. Nr. 12,Mai 1987 Tokio, S. 101 f.
11) Vgl. Vorwort zu Weils “Sittengemälden ... ” HSA Bd. 12 S. 127 f.
12) Vgl. Anonym(K. A. Varnhagen von Ense) In: Der Gesellschafter. Berlin 10(1826) Nr. 103(30. 6.) S. 520,Heines Briefe an J. Fr. V. Cotta vom 14. 12. 1829(HSA Bd. 20 S. 370) und an K. A. Varnhagen v. Ense vom 4. 2. 1830(A.a.0. S. 384).
13) Anonym(Menze1,W.) In: Morgenblatt für gebildete Stände. Stuttgart und Tübingen 25(1831) Beilage Literaturblatt,Nr. 80(5. 8.) S. 318 f. “Heinrich Heine über Ludwig Börne” 4. u. 5. Buch(HSA Bd. 9 S. 357 ff, 379 ff u.a.) und Heines Artikel in dgr “Augsburger A11gemeinen Zeitung” vom 4. 2. 1840(HSA Bd. 10 S. 11).
14) Kölnische Zeitung vom 30. 11. 1854 Nr. 332(DHA Bd. 3/2 S. 1288 f).
15) Vgl. Heines Brief an A. Dumas vom 8. 2. 1855(HSA Bd. 23 S. 408 f).
16) A.a.0. Bd. 27K S. 195.
17) Heines Brief an J. Campe vom 24. 10. 1854 (A.a.0. Bd. 23 S. 386).
18) VgL Heines Brief an J. Campe vom 14. 11.1854(A.a.0 S. 396) und J. H. Detmolds Brief an Heine vom 24. 11. 1854(A.a.0. Bd. 27K S. 264 f).
19) “Göttingische glehrte Anzeigen unter der Aufsicht der König1. Gesellschaft der Wissenschaften” vom 8-13. 1. 1855.
20) Vgl. Eckermanns Gespräch mit Goethe vom 18. 1. 1825(Biedermann, “Goethes Gespräche” Leipzig 1891, Bd. 5 S. 133).
21) Gössmann,W.: Die theologische Revision in Heines Spätzeit. In: Internationaler Heine Kongreß Düsseldorf 1972. Hamburg 1973,S. 333.
22) Vgl. Heines Briefe an Fr. Robert vom 30. 5. 1829(A.a.0. Bd. 20 S. 358) und an J. G. V. Cotta vom 17. 10. 1842(A.a.0. Bd. 21 S. 33).
23) Heines Brief an J. Campe vom 20. 2. 1844(A.a.0. Bd. 22 S. 26).
24) A.a.0. vom 9. 2. 1848(A.a.0. S. 287).
25) Heines Brief an M. Heine vom 9. 1. 1850(A.a.0. Bd. 23 S. 20).
26) Vgl. Briegleb Bd. 6/II S. 92 und DHA Bd. 3/2 S. 1515.
27) Vgl. DHA A.a.0. S. 1515.
28) “Spätere Note” zum “Ludwig Marcus. Denkwort.” HSA Bd. 12 S. 124.
29) Vgl. Meißner,A.: Heinrich Heine Erinnerungen. Hamburg 1856(Nachdruck: Leipzig 1972). S. 198.
30) Ludwig Tieck's Schriften. Berlin 1828, Bd. 10 S. 274.
31) Heines Werke in zehn Bänden. Hrsg. von 0. Walzel. Leipzig 1911-1920, Bd. 7 S. 462.
32) Gössmann,a.a.0. S. 334.
33) Prawer,S. S.: Heine. The Tragic Satirist. Cambridge 1961, S. 238.
34) Vg1. Heines Brief an J. Campe vom 21. 8. 1851(HSA Bd. 23 S. 112).
35) Lehmann,C. Ch.: Heinrich Heine. Kämpfer und Dichter. Bern 1957, S. 199.
36) Vg1. Marcuse,L.: Heinrich Heine. 3. Aufl. Hamburg 1981, S. 154 u. Korell, D.: Heinrich Heines >Letzte Gedichte< als Spiegel seines Wesensbildes. Bonn 1972, S. 27.
37) Heines Brief an J. Campe vom 20. 2. 1844(A.a.0. Bd. 22 S. 96).
38) Vgl. “Spätere Note” zum “Ludwig Marcus. Denkwort” und Lazarus-Gedichte in dieser Zeit. Und auch die ausführlichen Bemerkungen dazu von Kl. Briegleb(Briegleb Bd. 5 S. 921,Bd. 6/II S. 217 ff, 224 ff u.a)
39) Heines Brief an J. Campe vom 9. 11. 1854(HSA Bd. 23 S. 390).
40) Trilse,Ch.: Nachwort in: Heinrich Heine. Geständnisse und Memoiren. Hrsg. von Ch. Trilse. Leipzig 1966 S. 151.
Danken möchte ich an dieser Stelle dem Deutschen Akademischen Austauschdienst für die Finanzierung des Aufentha1ts vom Juli bis Oktober 1992 in Düsseldorf und dem Heinrich-Heine-Institut in Düsseldorf, dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach, der Fachbereich Germanistik der Friedrich-Schiller-Universität Jena,der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf,der Humboldt-Universität zu Berlin und der Freien Universität Berlin sowie den zahlreichen Kolleginnen und Kollegen,die mir bei meiner Arbeit geholfen haben.
※平成5年9月17日受理
掲載(Veröffentlicht):
愛媛大学教養部紀要, No. 26, pp. 91〜109, Dez. 1993年(In: Memoirs of the faculty of General Education, Ehime University)
改定増補(Korrigiert und ergänzt): 2008年6月18日 並木 武(Namiki Takeshi)
http://231.teacup.com/doitsugoken/bbs
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