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Heines "Morphine" und seine Quellen 1

 投稿者:namiki  投稿日:2007年 6月28日(木)17時36分38秒
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   Heines nachgelesenes Gedicht "Morphine“
         −Eine Untersuchung zu seinen Quellen und seiner Stellung in Heines Spaetzeit −

NAMIKI Takeshi

Inhalt
0. Einleitung
1. Ausgaben
2. Struktur
3. Titel
4. Leserlenkung
5. Quellen der Gestalten Tod und Schlaf
6. Heines Verwendung der Quellen
7. Das Epigramm
8. "Morphine“ als Heines Lebenslage
9. Verhaeltnis von "Morphine“ zu "Romanzero“ und "Gedichte. 1853 und l854“
10. Ende

0. Einleitung
       In den letzten Jahren wird der spaete Heine(1848-1856)haeufig behandelt und dabei beruecksichtigen die meisten Interpreten noch immer die Prosawerke "Gestaendnisse“ und die Vorrede zur franzoesischen
Ausgabe der "Lutetia“ oder die Gedichtsammlungen "Romanzero“ und !Gedichte. 1853 und 1854.“1) Diese Werke sind bei der Arbeit an den Problemen um seine Spaetzeit z. B. der "Rueckkehr“ zum persoenlichen Gott und der Beziehung zum Kommunismus zwar unentbehrlich, aber auch in den nachgelesenen Gedichten, die zum groessten Teil nicht zu seinen Lebzeiten veroeffentlicht wurden, gibt es wichtige Anhaltspunkte fuer die Loesung dieser Probleme. In diesem Aufsatz werden die Quellen und die Stellung des Gedichts "Morphine“ untersucht, das zu den sieben Gedichten gehoert, in denen der schwerkranke Heine sich mit dem Tod konfrontierte. Wir wollen einen Grund zur Erweiterung des Bildes vom spaeten Heine (vgl. Galley,Kaufmann,Mende,Windfuhr,Goessmann, Kruse u.a.) legen,weil die oben genannten,bei Heine sehr wichtigen Probleme,besonders in seinen Lyriken,noch nicht genau erklaert sind.

    Man kann die nachgelesenen Gedichte in dieser Periode wie folgt thematisch einteilen.

1. Zeitgedichte
2. Vermischte Gedichte
3. Lamentationen
4. "Bimini“

 Die Lamentationsgedichte kann man thematisch ncch genauer untergliedern.

1. Onke1 Salomon und seine Familie
2. Konfrontation mit Krankheit und Tod
3. Rueckschau auf das Leben
4. Mathilde
5. "Mouche“

     Das Thema Krankheit bzw. Tod spielt, ausser in den Konfrontationen,in denen es Hauptthema ist,auch in fast allen anderen Gedichten in dieser Zeit eine wichtige Rolle. Der Schaffensprozess dieser Gedichte selber war dem leidenden Heine die schaerfste Konfrontation mit Krankheit und Tod.

     Die Entstehungszeit und der Erstdruck dieser sieben Gedichte der Konfrontationen waren wie folgt.

1. Morphine                                1851*2)       1863(Orion und EGA)3)
2. Wenn sich die Blutegel...               1854*          1869(LG)4)
3. Die Soehne des Glueckes...              1854           1857(DM)5)
4. Wie schoen er ist...                      ″           1924(Elster II)6)
5. Mittelalterliche Roheit...              1855           1869(LG)
6. Ewigkeit,wie bist du lang...             ″             ″   ″
7. Stunden,Tage,Ewigkeiten...              ″             ″   ″

Morphine

          Gross ist die Aehnlichkeit der beiden schoenen
          Juenglingsgestalten, ob der eine gleich
          Viel blaesser als der andre,auch viel strenger,
          Fast moecht ich sagen: viel vornehmer aussieht
          Als jener andre,welcher mich vertraulich
          In seine Arme schloss - Wie lieblich sanft
          War dann sein Laecheln,und sein Blick wie selig!
          Dann mocht es wohl geschehn,dass seine Hauptes
          Mohnblumenkranz auch meine Stirn beruehrte
          Und seltsam duftend allen Schmerz verscheuchte
          Aus meiner Seel’ - Doch solche Linderung,
          Sie dauert kurze Zeit; genesen gaenzlich
          Kann ich nur dann,wenn seine Fackel senkt
          Der andre Bruder,der so ernst und bleich.-
          Gut ist der Schlaf,der Tod ist besser - freilich
          Das beste waere,nie geboren sein.7)

1. Ausgaben
    Das Gedicht "Morphine“ als dessen Entstehungszeit 1851 vermutet wird,8)war eigentlich in das zweite Buch "Lamentationen“ des "Romanzero“ - wahrscheinlich aus thematischen Gruenden im Lazarus-Zyklus - eingegliedert. Spaeter aber hat Heine es mit fuenf anderen Gedichten aus dieser Gedichtsammlung nicht als eine schoene Blume,sondern als "das liebe Gras“9)herausgenommen und erst 1863 nach dem Tod des Dichters herausgegeben. Der Blankvers wie in diesem Gedicht ist bei Heine sehr selten. Man kann ihn in den fruehen Werken,im Gedicht "Goetterdaemmerung“ und in den Dramen "Almansor“ und "William Ratcliff“ u.a. nur wenig finden.10) A.Strodtmann,der dieses Gedicht zum erstenmal druckte,betitelte es nach der frueheren Fassung als "Fragment.“11) ln der Reinschrift aber,die wahrscheinlich in Anwesenheit Heines mit zwei nicht wichtigen Abweichungen von der Strodtmanns geschrieben wurde,12) ist es als "Morphine“ betitelt. Deshalb sollte man dieses Gedicht nicht als ein Fragment,sondern als ein vollstaendiges ansehen und interpretieren.

2.Struktur
     Die Struktur dieses Gedicht ist folgendermassen: Zuerst kann man in einen vierzehnzeiligen Hauptteil und einen zweizeiligen epigrammatischen Moral-Teil,13) dann jenen in zwei siebenzeilige Abschnitte untergliedern. Die Zahl sieben ist bekanntlich eine bedeutungsvolle Zahl im alten Volksglauben und in der Bibel. Dann kann man dieses Gedicht auch wegen der fast epigrammatischen Konstruktion als "das volle Gelingen im lyrischen Bereich - keineswegs nur in 19. Jahrhundert“14)sehr hochschatzen. Trotz dieser Vorteile nahm Heine "Morphine“ nicht in den "Romanzero“ auf, weil er wohl fuerchtete,dass der Blankvers die vollstaendigkeit der Gedichtsammlung,wo alle
Gedichte Endreim haben,stoeren koennte. Der inhaltliche Grund fuer den Ausschluss wird im 9. Teil dargelegt.

3. Titel
 Die Bezeichnung "Morphine“ ist eigentlich franzoesisch oder englisch. Im Deutschen sagt man ueblicherweise "Morphium“ oder "Morphin.“ Heine aber benutzte damals die Bezeichnung Morphine und Morphium. Das hat wahrscheinlich mit den Aerzten zu tun,die er damals konsultierte,und mit der sprachlichen Umgebung um ihn herum. In den meisten Faellen benutzte er jedoch das Wort Opium anstatt Morphium oder Morphine.15)

Bei Heine war es,besonders in seiner Spaetzeit,nicht selten,dass er ein Gedicht mit unkonventionellen,seltsamen oder albernen Woertern betitelte,wie "Simplicissimus I.,“ "1649−1793−????,“ "Der Wanzerich,“ "Citronia“ u.a.16) Heine schien zu erwarten, dass durch diesen "unaesthetischen“ Titel die Neugierigkeit des Lesers immer mehr auf das entsprechende Gedicht gelenkt wird. Solche Titel galten als provokatorisch.17) Deshalb wollte er damit wohl auch den damaligen buerger1ichen schulmaessigen Aesthetizismus und die poetisch-harmonische Kunsttheorie der traditionellen klassischen Dichtung18) provozieren.

4. Leserlenkung
4. 1.  Das Anfangswort "Gross“ wirkt sehr effektvo11: Es ist grammatisch zwar nur ein Adjektiv, das das Substantiv "die Aehnlichkeit“ praedikativ bestimmt,aber es entsteht der Eindruck, als ob es gleichzeitig eben das ganze Gedicht bestimmen wuerde,indem es sich ganz am Anfang des Gedichts stellt. Dann wird beim Leser,der durch den Titel schon in gewissem Masse schockiert war(die erste Stufe der Spannung=1. St. d. Spannung: im folgenden wird so abgekuerzt),grosse Aufmerksamkeit erregt werden, so dass im folgenden "etwas Grosses“ oder "etwas Wichitiges“ erwartet wird(2. St. d. Spannung).
   Die beiden "Juenglinge“ sind einander sehr aehnlich. Dann wird man wohl annehmen,dass es sich hier um eine Geschichte von Doppelgaengern handelt(3. St. d. Spannung). Diese liess Heine manchmal in seinen Werken auftreten,wie im beruehmten Gedicht "Still in die Nacht...“ des "Buch der Lieder,“ in der Tragaedie "William Ratcliff,“ im nachgelesenen Gedicht "Halleluja“ u.a.19) Daher scheinen die Juenglinge dem Leser schon gut vertraut.

4. 2.  Wenn man aber weiter liest,wird klar,dass es hier nicht auf die Doppelgaenger kommt,weil die beiden trotz der grossen Aehnlichkeit andererseits reichlich verschieden sind. "Der eine“ ist blaesser,viel strenger und noch vornehmer als "der andre.“ Dann wird die Aufmerksamkeit des Lesers, der wegen des Verlusts der Doppelgaenger ein bisschen enttaeuscht war,wieder erregt(4. St. d. Spannung), weil die Woerter "blass“ und "streng“ bei der Beschreibung des Gesichts vielmehr eine negative Vorstellung bewirken und mit dem Wort "vornehm,“ das eher eine positive Vorstellung erweckt,nicht leicht zu verbinden sind. Der Leser kann annehmen,dass die beiden zu einer unalltaeglichen Welt gehoeren,der Welt des Traums,die ihm bei Heine auch gut vertraut ist.

4. 3.  Die Schilderung der Beziehung zwischen "ich“ und "jener andre“ in den Zeilen 5-7 ist merkwuerdig. Auf den ersten Blick wird man leicht getaeuscht, als ob es sich hier um eine Szene von Gottesmutter Maria und dem heiligen Jesuskind handelt. Aber das ist unmoeglich,weil "der andre“ ja ein Juengling war. Dann taucht hier eine weitere Frage auf: Wer ist „ich“? So wird der Leser aufs extremste gespannt(die fuenfte und letzte Stufe der Spannung).

4. 4.  Ploetzlich kommt die ueberraschende Loesung: "Der eine“ ist die Gestalt des Todes und "der andre“ die des Schlafs in der antiken Mythologie und "ich“ ist der gegenwartige Dichter=Heine selbst. Heine stellt in diesem Gedicht seine eigene Situation ganz deutlich dar. Er lechzt hier,wie man aus den zwei letzten epigrammatischen Zeilen entnehmen kann,nach der ewigen Ruhe durch den Tod. Den moechte er lieber als durch Morphium, den Schmerz zu lindern,weil seine Krankheit dadurch nur noch schwerer zu ertragen war. Die Beziehung Heines zum Morphium als Arznei wird unten im 7. und 8. Teil erwaehnt.

5. Quellen der Gestalten Tod und Schlaf
5. 1.  Heine nahm in seinen Werken viel verschiedene Gestalten aus der Mythologie auf.  Sie spielten am meisten eine bedeutende Rolle wie in diesem Gedicht. Darum ist es sehr wichtig zu erlaeutern, welche Quellen er benutzt und wie er diese bearbeitet hat. Die Quellen der beiden mythologischen Gestalten Tod und Schlaf sind schon viel interpretiert worden.
    Elster z. B. wies auf zwei Moe1ichkeiten hin:

1. Lessings Abhandlung "Wie die Alten den Tod gebildet“
2. Herders Gedicht "Der Tod. Ein Gespraech an Lessings Grabe“ 20)
 

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