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Heines "Morphine" und seine Quellen 2

 投稿者:namiki  投稿日:2007年 6月28日(木)15時05分19秒
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      Rena Schlein fuegte noch drei Moeglichkeiten hinzu:

3. Eine Fussnote in Lessings "Laokoon“
4. Die Zeichnung "Die Nacht mit ihren Soehnen Schlaf und Tod“ in der Schrift "Goetterlehre oder mythologische Dichtung der Alten“ von Kar1 Philipp Moritz
5. Schillers beruehmtes Gedicht "Die Goetter Griechenlandes.“21)

Diese Untersuchungen sind sehr inhaltreich und nuetzlich. Aber um den spaeten Heine besser zu verstehen,lohnt es sich,die Problematik noch weiter zu verfolgen.

5. 2.  Die folgenden Quellen der Gestalten Tod und Schlaf sind bei Heine gut moeg1ich, weil man aus unten erklaerten Gruenden annehmen kann,dass er die meisten von ihnen gekannt hat. Lessing schreibt in der Abhandlung "Wie die Alten den Tod gebildet“(Berlin 1769):

    Die alten Artisten stellten den Tod nicht als ein Skelet vor: denn
    sie stellten ihn,nach der Homerischen ldee, als den Zwillingsbruder
    des Schlafes vor,und stellten beide,den Tod und den Schlaf,mit
    der Aehnliehkeit unter sich vor,die wir an Zwillingen so natuerlich
    erwarten. Auf einer Kiste von Cedernholz,in dem Tempel der Juno
    zu Elis,ruhten sie beide als Knaben in den Armen der Nacht. Nur
    war der eine weiss, der andere schwarz; jener schlief, dieser schien
    zu schlafen; beide mit ueber einander geschlagenen Fuessen.22)

  Zwei weitere Stellen aus der gleichen Abhandlung sind noch wichtig:

1. Lessing behauptet,dass die Gestalt mit der gesenkten Fackel in der hier beigefuegten Abbildung der Tod ist,obwohl die Kunsthistoriker bis dahin diese Gestalt auf Amor oder etwas anders bezogen haben.23) Diese Abbildung entspricht in gewissem Masse der Darstellung des Todes in "Morphine.“
2. Lessing erwaehnt sich die Gestalt des Schlafs auch mit Mohnblumen.24)

     * Abbildung des Titelblatts von dem Erstdruck: Wie die Alte den Tod gebildet... u. a.
    http://www.fantom-online.de/seiten/12d7.htm
    http://home.arcor.de/norbert.siegel/paulus/bruecke925.htm

   In der oben genannten Fussnote in "Laokoon“(Berlin 1766) kann man zwar fast dieselbe Beschreibung von Nacht mit Tod und Schlaf finden,aber hier ist der Schlaf noch nicht mit Mohnblumen,sondern
nur mit "Blumen“ erwaehnt.25) Man kann jedoch nicht sicher annehmen,dass Heine die Abhandlung "Wie die Alten...“ gelesen hat. Den Namen Laokoon aber erwaehnt er in einem nachgelesenen Gedicht.26)Jedoch kann man Lessing zu einer der Quellen der Gestalten Tod und Schlaf rechnen,weil Heine Lessing als den "Stifter der neuern deutschen Originallteratur“27) sehr hoch schaetzte und sehr gern las.

5. 3.  Asmus Jakob Carstens zeichnete die auch hier beigefuegte Abbildung "Die Nacht mit ihren Kindern“ 1794 in Rom. Diese Kreidezeichnung kam 1804 in die Hand von Herzog Karl August von Sachsen-Weimar und wurde zu seinen Kunstsammlungen hinzugefuegt.28) Diese Kunstasammlungen konnte man

    * Abbildung Carstens: Die Nacht mit ihren Kindern u. a.
   http://www.fak09.uni-muenchen.de/Kunstgeschichte/sds_malerei/dt_frz_malerei/41-dt-franz-malerei/bilder/1780_1789_d/1a/b_popup_nacht.jpg
  http://www.uni-leipzig.de/~prtheol/naumann/nacht/nacht_im_bild.htm

woechentlich zwei Tage oeffentlich ansehen,29) als Heine im Herbst 1824 Goethe in Weimar besuchte. Heine erwaehnt diese Zeichnung nirgendwo in seinen Werken,aber es ist doch moeg1ich,dass er sie in Weimar gesehen hat,weil er Galerien sehr gern besuchte und mehrere Berichte ueber Kunstsammlungen und-ausstellungen wie in "Franzoesische Maler“30) schrieb.

5. 4. In "Goetterlehre oder mythologische Dichtung der Alten“(Berlin 1795)berichtet Kar1 Philipp Moritz von der Zeichnung "Die Nacht mit ihren Soehnen Schlaf und Tod“: Hier "ist der Tod durch eine umgekehrte Fackel und der Schlaf durch einen Mohnstengel bezeichnet.“31) Es ist auch schwer festzustellen,ob Heine diese Abhandlung mit der Zeichnung gekannt hat,obwohl er seit langem die Abhandlung "Aussichten zu einer Experimentalseelenlehre“ und den Roman "Anton Reiser“ von Moritz sehr gern las.32) Carstens und Moritz waren miteinander befreundet,arbeiteten manchmal zusammen und bekamen das Motiv "Die Nacht mit Tod und Schlaf“ auch gemeinsam von Hesiod und Pausanias,33) die Heine doch wenig oder,wenigstens in Bezug auf dieses Motiv,gar nicht erwaehnt.

5. 5.  Die Gestalten Tod und Schlaf treten oft in der deutschen Dichtung auf. Die Geschwisterlichkeit der beiden hat ihre Quelle in Homers "Ilias,“34) wie man aus der oben zitierten Stelle der Abhandlung Lessings entnehmen kann. In Herders Gedichten "Der Schlaf“ und "Der Tod. Ein Gespraech an Lessings Grabe“35) sind sie als Brueder und in Schillers "Die Raeuber“36) als Zwillinge dargestellt. In Daniel Casper Lohensteins Trauerspiel "Ibrahim Bassa“37) und in Brockes’ Gedicht "Die Mah-Blume“38) kann man die Gestalt des Schlafs mit Mohnblumen und die einschlaefernde und den Schmerz lindernde Wirkung des Mohns sehen. Die Mohnblume,die dem Gott Schlaf das Haupt kraenzt,ist aus Goethes "Euphrosyne“39) in "Elegien II“ und Uhlands "Der Mohn“40)gut bekannt und der Tod mit Fackel ist in Herders "Der Tod“ ausfuehrlich dargestellt,obwohl dieser die Mohnblume gar nicht erwaehnt.

5. 6.  Die Beschreibung bei Schiller ist besonders bemerkenswert. Er Iaesst in Gedicht "Resignation. Eine Phantasie“41) schon die Gestalt des Todes auftreten und bildet im beruehmten Gedicht „Die Goetter Griechenlandes“ den Tod in fast derselben Weise wie in Lessings Abhandlung "Wie die Alten...“(s.o.):

        Damals trat kein graessliches Gerippe
         Vor das Bett des Sterbenden. Ein Kuss
         Nahm das letzte Leben von der Lippe,
         Still und traurig senkt’ ein Genius
         Seine Facke1... 42)

Ausserdem hat Schiller ein Epigramm genau mit dem Tite1 "Der Genius mit der umgekehrten Fackel“43) geschrieben. Darueber hinaus ist die folgende Aeusserung aus einem seiner Briefe sehr wichtig: "die Alten,die den Tod bildeten,stellten ihn als einen Juengling vor,der eben so schoen ist als sein Bruder,das Leben,aber sie gaben ihm eine umgestuerzte Fackel.“44) Es scheint,als ob er diese Darstellung des Todes direkt aus der oben genannten Abhandlung Lessings zitiert,obwohl er dabei den Schlaf mit dem Leben verwechselt. Man kann zwar keine Erwaehnung Heines bezueglich der oben genannten Stelle Schillers finden. Aber es ist sicher,dass Heine sich sehr fuer Schiller interessiert hat
und dessen Werke sehr genau las,wie man z. B. im ersten Buch der "Die Romantische Schule“45) sehen kann.
Hier sollte man noch auf die Tatsache hinweisen, dass Heine das Gedicht "Die Goetter Griechenlands“46) bewusst als eine Parodie auf Schillers oben genanntes Gedicht mit gleicher Ueberschrift schrieb,47) obwohl bei Heine weder Tod noch Schlaf auftreten.

6. Heines Verwendung der Quellen
   Es ist nur schwer festzustellen,ob jeder der oben untersuchten Punkte bei Lessing, Carstens Moritz,Herder,Schiller u.a. zu den Quellen der beiden Gestalten Tod und Schlaf in "Morphine“ zu rechnen ist. Es ist aber moeg1ich,dass Heine bei der Bearbeitung dieser Mythologie mehrere der Quellen miteinander vermischt und eine neue Vorstellung entwickelt hat. Heines Originaltaet liegt darin,dass er die Gestalten Tod und Schlaf viel lebendiger und gegenwaertiger als seine Vorlaeufer gestaltete, indem er dieses Motiv mit seiner eigenen Lebenserfahrung eng verband und beiden Gestalten einen deutlichen Charakter und eine passende Unterschiedlichkeit erteilte. Dabei haben wohl die folgenden Beschreibungen ihm einen Hinweis gegeben:

1.  Lessing, "weil er48) sich von der Aehnlichkeit beider Figuren nie etwas traeumen lassen; weil er den Schlaf als einen sanften Genius,und den Tod als ein eckles Ungeheuer sich dachte. Haette er gewusst,dass der Tod ein eben so sanfter Genius seyn koenne.“49)
2.  Moritz, "Der Brueder Schlaf und Tod,wovon der eine die Menschen sanft und milde besucht,der andere aber ein eisernes Herz im Busen traegt.“50)

7.  Das Epigramm
 Die lezten zwei epigrammatischen Zeilen dieses Gedichts haben ihre Quelle im beruehmten Oedipus-Mythos:

        Der Loose hoechstes ist,nicht geboren seyn!
        Und sind wir’s,dann mit schlagenden Fittigen
            Zuruekzueilen,hin,woher wir
             Wanderten,das ist der Loose zweites! 51)

Ausserdem muss man noch  "Das Buch Hiob“ als eine Moeg1ichkeit52) in Betracht ziehen: "Warum bin ich nicht gestorben von Mutterleib an? Warum bin ich nicht umkommen,da ich aus dem Leibe kam?“53) In der Spaetzeit soll Heine seine  "Erleuchtung ganz einfach der Lektuere“ der Bibel verdankt haben.54) Er identifizierte sich auch mit den zwei schwer leidenden Figuren,  Hiob und Lazarus55) Er nahm schon damals taeglich Morphium ein, um die Schmerzen zu lindern.56) Dann ist es auch kein Wunder,dass er in den schlaflosen Naechten gelegentlich nach der ewigen Ruhe durch den Tod lechzte.

An meiner Krankheit selbst aber,ist das allerschlimmste,dass man
so lange dabei am Leben bleibt,was Dir freilich,liebe Mutter,
nicht das sehlimmste duenkt,ich aber,der ich so viel physisch leiden
muss und alle Hoffnung der Genesung verliere,ich beneide die Menschen,
die von akuten Krankheiten rasch fortgerafft werden.57)

8.  "Morphine“ als Heines Lebenslage
   Man kann annehmen,dass das Gedicht  "Morphine“ einerseits die koerperliche und geistige Situation Heines genau widerspiegelt und dass er andererseits dem Tod,der ihn bedrohte,ins Angesicht schaute
und sich mit diesem bis zum letzten Ende auseinandersetzte,ohne durch die Krankheit ueberwaeltigt zu werden. Unter diesen Umstaenden wurden viele wertvolle Gedichte, wie die am Anfang genannten Konfrontationen,der groesste Teil des  "Romanzero,“ die Sammlung  "Gedichte. 1853 und 1854,“ der Zyklus an die "Mouche“ u.a. geschaffen. Man wird also dieses Gedicht als eines der ersten Gedichte, in denen er sich mit dem Tod und der Krankheit direkt und ernst konfrontierte, hoch schaetzen muessen.

9. Verhaeltnis von "Morphine“ zu "Romanzero“ und "Gedichte. 1853 und 1854“
Von diesen Hintergruenden(von 4. bis 8.) muessen wir noch einmal auf die Beziehung zwischen "Morphine“ und "Romanzero“ und "Gedichte. 1853 und 1854“ eingehen. Das erste Gedicht in "Gedichte. 1853 und 1854,“ "Ruhelechzend,“ endet:

           O Grab,du bist das Paradies
           Fuer poebelscheue,zarte Ohren −
           Der Tod ist gut,doch besser war’s,
           Die Mutter haett uns nie geboren. 58)

Diese Strophe hat gerade denselben Ton wie den in "Morphine,“ die Sehnsucht nach dem Tod. Der letzte Teil des Gedichts "Epilog“ am Ende der Sammlung aber lautet(wieder mit Mythologie!) 59):

           Der Pelide sprach mit Recht:
           "Leben wie der aermste Knecht
           In der Oberwelt ist besser,
           Als am stygischen Gewaesser
           Schattenfuehrer sein,ein Heros,
           Den besungen selbst Homeros.“ 60)

Hier klingt ganz umgekehrt die Verneinung des Todes,die Bejahung des Lebens oder die Begierde nach dem Leben an. Heine wollte wahrscheinlich in dieser Gedichtsammlung zum Ausdruck bringen,dass er ganz angesichts des Todes stand und in der Konfrontation damit nicht nach dem Tod, sondern nach dem Leben lechzte, indem er absichtlich "Ruhelechzend“ an den Anfang und "Epilog“ an das Ende der Sammlung setzte. Damals dachte er wahrscheinlich,dass "Morphine“ fuer "Romanzero“ nicht geeignet ist, weil darin die Sehnsucht nach dem Tod zu stark zum Ausdruck kommt und man dann noch ein Gegenstueck dazu wie den "Epilog“ braucht. Das kann man schon als einen der Gruende ansehen,weswegen er "Morphine“ aus dem Manuskript des "Romanzero“ ausschloss.

http://8517.teacup.com/heinebooksbuecher/bbs

 

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