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Germanistik in Japan Ein Beispiel: Heinrich Heine
NAMIKI Takeshi
Inhalt
0. Einfuehrung - Ein Ueberblick ueber die Geschichte der Beziehung zwischen Japan und Deutschland
1. Der Anfang der Germanistik in Japan
2. Der Anfang der Rezeption der deutschen Literatur in der japanischen Literatur
3. Die Heine-Rezeption in der japanischen Literatur
4. Die Heine-Forschung in Japan
0. Einfuehrung - Ein Ueberblick ueber die Geschichte der Beziehung zwischen Japan und Deutschland
Seit Marco Polo(1254-1323) seinen Gefaengniskollegen am Ende des 13. Jahrhunderts von einer im Fernost gelegenen Insel "Zipangu" als ein "von Gold ueberfuelltes Wunderland"1) erzaehlt hatte, war Japan bis zum 16. Jahrhundert (oder in einem anderen Sinne bis heute noch) ein Gegenstand der Neugier und Begierde von Europaeern nach Gold geblieben. Sie wiederholten die lange Fahrt nach dem Osten und entdeckten endlich eine neue Welt anstatt Zipangus. Erst im Jahr 1543, etwa ein halbes Jahrhundert spaeter als in Westindien, landeten portugiesische Seeleute, gezwungen durch einen Sturm, ganz zufaellig an der Kueste Japans.
Japan befand sich damals in einem gewaltigen gesellschaftlichen Umwaelzungsprozess und war keine Goldinsel mehr, sondern ein neuer Gegenstand der christlichen Missionstaetigkeit und des Handels mit Seiden, Porzellan und ein wenigen Gold bzw. Silber. Am Anfang hatten die Missionstaetigkeit und der Handel betraechtliche Erfolge, weil die meisten von ueber hundert Feudalfuersten diese Taetigkeiten erlaubten oder sogar empfahlen, um mehr als andere Fuersten, Feuerwaffen importieren zu koennen.
Dann schon im Jahr 1596 gab es ein Buch2) des ersten deutschen Verfassers, Thomas von Kempens(1379[80?]-1471), das zu den vielen religioesen Schriften, die schon in Japan uebersetzt wurden, gehoert, obwohl dieses Buch in Latein geschrieben war.
Mit dem Fortschreiten der Vereinigung des Landes hatte die Missionstaetigkeit und der Handel bald groee Schwierigkeiten, weil die Herrscher Gesamt-Japans fuerchteten, da ihre Herrschaft, die sich auf den Shintoismus mit seinem Polytheismus und vom Buddismus gruendete, von dem monotheistischen Christentum erschuettert wuerde, und sie wollten verhindern, da die herausfordernden Fuersten Feuerwaffen importieren konnten. Daraufhin wurde im Jahr 1639 jeglicher Verkehr mit dem Ausland ausser China und Holland streng verboten.
Von da ab konnte sich jeder damalige Eurropaeer nur als Hollaender in Japan aufhalten. Unter ihnen kann man einen Kanonenschiesser Hans Braun als einen der ersten Deutschen nennen. Und dann kam Engelbert Kaempfer(1651- 1716) und sang ein deutsches Lied3) vor dem Herrscher Shogun. Spaeter schrieb er ein Japan-Buch4). Auch kann man wohl den Namen George Meister(1653-1713) aus dem Thueringischen nennen. Er kam im Jahr 1682 nach Nagasaki und untersuchte den japanischen Garten und starb als Spezialist des orientalischen Lustgartens in Dresden5).
Unter diesen Deutschen war auch Franz von Siebold(1796-1866) aus Wuerzburg, der in hollaendischen Diensten stand und sich insgesamt neun Jahre lang in Japan aufhielt. Er bemuehte sich, nicht nur die europaeischen Wissenschaften in Japan einzufuehren, sondern auch Japan umfassend kennenzulernen und schrieb spaeter ein gros Buch "Nippon, Archiv zur Beschreibung von Japan und dessen Neben- und Schutzlaendern Jezo mit den suedlichen Kurilen, Sachalin, Korea und den Liukiu-Inseln,1832-51" (Leiden 1837-51), das das beste Japanbuch im damaligen Europa war, und andere Japanbuecher.
Die erste Erwaehnung von Deutschland Japaners war Nishikawa Zyokens "Kaitsushoko" (Zum Handel zwischen Japan und den Barbaren. 2 Bde. Kioto1695). In diesem Buch kann man folgende Ausdruecke finden: "Toichirando"(Deutschland) oder "Toichikoku"--"-koku" bedeutet Staat oder Land. Und auch "Dort gibt es auch vier Jahreszeiten und es ist kalt. Ihre Gestalt ist gleich wie die von Hollaendern."6)
Es ist merkwuerdig, da das Gedicht "Mailied" von Matthias Claudius die erste deutsche Schrift in Japan7) war. Es bleibt bis heute unklar,warum dieses Gedicht bedeutend frueher als andere Schriften uebersetzt wurde.
Im Jahr 1853 oeffnete die Shogun-Regierung unter dem Druck des amerikanischen Kommandeurs Perry die Tuer zum Ausland, die ueber zweihundert Jahre lang geschlossen war. Gleichzeitig(1856) "Banshoshirabesho"(Institut fuer die Untersuchung der Schriften der Barbaren)8) gegruendet, um europaeischen Wissenschaften zu erforschen.
Das erste Buch aus Deutschland war H. Weiffenbachs "Leitfaden zum Unterricht in der deutschen Sprache und Literatur"(2 Bde., 2. verb. Aufl., Breda 1851), das spaetestens bis 1861 in Japan importiert war, obwohl ein deutschsprachiges Buch aus Holland, "Alemania. Deutsches Lesebuch oder Sammlung einiger schoenen Stuecke aus den Werken der vorzueglichen Schriftsteller Deutschlands"(Hrsg. von Dr. Buddingh, Haag 1845), fuenfzehn Jahre davor schon importiert worden war. In diesem rein deutschen Buch Weiffenbachs waren neben den Werken von Lessing, Brueder Grimm, Hebel, Wieland, Jean-Paul, Goethe, Schiller, Boerne u.a. zwei Werke von Heine, ein Auszug aus der "Harzreise" und das Gedicht "Die Grenadiere" im "Buch der Lieder" enthalten.
Deutschland oder Preussen, das damals nicht zu den hochentwickeltsten Laendern in Europa nicht gehoerte, gelang es erst 1861 mit der Unterstuetzung Perrys, einen Vertrag fuer Handel mit Japan zu schliessen. Gleichzeitig gruendete die japanische Seite eine deutsche Abteilung im Institut fuer die Untersuchung der Schriften der Barbaren. Zwei junge Japanner veroeffentlichten das erste deutsche Woerterbuch "Kanban Doitsutangohen"(Staatsdrkerei, Edo=Tokio 1862) mit zweitausend Woertern.
Unter diesen riesigen Wellen von europaeischen Kultur musste Japan eine gewaltige Umwaelzung in allen Gebieten mitmachen.
1. Der Anfang der Germanistik in Japan
Die Meizi-Reform im Jahr 1868 zeigte die entgueltige Entscheidung der damaligen herrschenden Klassen, Bourgeoisie und Adel, eine gewaltige politisch-gesellschaftliche Umwaelzung durchzufuehren und alle Gebiete der japanischen Gesellschaft schnell zu modernisieren oder zu europaeisieren. Auch die Literatur blieb von dieser Umwaelzung nicht unberuehrt.
An der Universutaet Tokio, die 1877 gegruendet wurde, begann die Germanistik in Japan. Ihr folgte immer der grosse Einfluss von der deutschen Botschaft. Davon kann man sich schon hinreichend ueberzeugen, wenn man nur einen Blick auf die Namen der Schriftsteller wirft, die an der Universitaet vorgetragen wurden. Klopstock, Uhland, Lessing, Herder, Goethe, Schiller, Kleist, Novalis, Wagner, Nietzsche, Freytag, Hugo von Hofmannsthal, Dehmel und Arno Holz. Der Name Heines taucht gar nicht auf.
Es ist auch kein Wunder, dass die damalige fuehrende literarische Zeitschrift "Teikokubungaku"(Litertur im Kaiserreich. Tokio 1895-1920) ganz dieselbe Tendenz besass, weil der Hauptautor eben der Professor an dieser Universitaet war. Die deutsche Klassik, Romantik und die zeitgenoessische Lieblingsschriftsteller, der Naturalismus, Expressionismus und die Neue Sachlichkeit u. dgl. waren und sind auch die Hauptstroemung der Germanistik in Japan.
Die Germanistik mit dieser Tendenz lief immer Gefahr, zum Nationalismus zu tendieren. Sie verband sich eng mit der herrschenden Klasse, die sich immer mehr imperialistische Politik verfolgte.
2. Der Anfang der Rezeption der deutschen Literatur in der japanischen Literatur
Bei der Rezeption in der Literatur war es etwas anders als bei dem Akademismus. Zuerst erschien im Jahr 1880 Schillers "Tell," der wie seine anderen Werke als ein Symbol der politischen Freiheit gegen die absolutistische Regierung und der Unabhaengigkeit von den europaeisch-amerikanischen Maechten in Japan begeistert aufgenommen wurde. Japaner lesen und hoeren Maerchen bzw. Erzaehlung sehr gern. Dazu gehoerten Goethes "Reineke Fuchs"(1885), Hauffs "Die Karawane"(1887), Eichendorfs "Taugenichts"(1894) und mehrere Geschichte von Brueder Grimm(1887ff). Lessings "Laokoon"(1903) und Goethes "Faust"(1904) wurden auch als solche uebersetzt und gelesen.
Trotz alledem war es die deutsche Lyrik, die in Japan am liebsten gelesen wurden und die japanische Literatur beeinflusste. Bis 1904 wurden fuenf Gedichte-Anthologien veroeffentlicht. Im Jahr 1901 wurde das erste Gedicht-Buch eines einzelnen Autors publiziert, dessen Name Heinrich Heine war. Heine war schon damals der beliebteste deutsche Dichter in Japan.
3. Die Heine-Rezeption in der japanischen Literatur
Es gibt eine Vorgeschichte von der Heine-Rezeption in Japan. Davon erzaehlt Heine selbst in seiner Schrift "Geataendnisse":
[...] Keiner meiner Landsleute hat in so fruehem Alter wie ich den Lorbeer errungen, wenn mein Kollege Wolfgang Goethe wohlgefaellig davon singt, "dass die Chinese mit zitternder Hand Werthern und Lotten auf Glas male", so kann ich, soll doch einmal geprahlt werden, dem chinesischen Ruhm einen noch weit fabelhaftern, nlich einen japanischen, entgegensetzen. Als ich mich vor etwa zwoelf Jahren hier im Hotel des Princes bei meinem Freunde H. Woehrmann aus Riga befand, stellte mir derselbe einen Hollaender vor, der eben aus Japan gekommen, dreissig Jahre dort in Nagasaki zugebracht und begierig wuenschte, meine Bekanntschaft zu machen. Es war der Dr. Buerger, der jetzt in Leiden mit dem gelehrten Seybold das grosse Werk ueber Japan herausgibt. Der Hollaender erzaehlte mir, dass er einen jungen Japanesen Deutsch gelehrt, der spaeter meine Gedichte in japanischer Uebersetzung drucken liess, und dieses sei das erste europaeische Buch gewesen, das in japanischer Sprache erschienen - uebrigens faende ich ueber diese kuriose Uebetragung einen weitlaeufigen Artikel in der englischen "Review" von Kalkutta.[...]9)
Man kann sich jedoch auf diese Aussage nicht unbedingt verlassen. Mehrere Japaner haben vergebens diese Zeitschrift "Review" von Kalkutta in Kalkutta und London gesucht10). Also ist diese Aussage von Heine bis heute zwar noch nicht bestaetigt, aber auch nicht entgueltig widerlegt worden.
Bis zum Jahr 1908, als Kondo Sakufu(1880-1915) das Lied "Lorelei," das damals in Japan stuermisch willkommen geheissen wurde und noch heute oft gesungen wird, mit der Melodie von Silcher vorstellte, waren die meisten Gedichte des "Buch der Lieder" und mehrere der "Neue Gedichte" uebersetzt worden. Bei diesen Uebersetzungen und in allen Heine-Buechern bzw. -aufsaetzen, die bis damals herausgegeben worden waren, war Heine als Liebesdichter vorgestellt worden.
Diese Tatsache weist deutlich auf die Tendenz der damals aufbluehenden Romantik in Japan hin. Heine wurde mit den Dichtern wie Carl Busse(1872-1918), die in Deutschland schon lange vergessen waren, hauptsaechlich als ein sentimentaler Dichter rezipiert. Hier ist ein Beispiel:
Ueber den Bergen, weit zu wandern,
Sagen die Leute, wohnt das Glueck.
Ach, und ich ging im Schwarme der andern,
Kam mit verweinten Augen zurueck,
Ueber den Bergen, weit, weit drueben,
Sagen die Leute, wohnt das Glueck....11)
Dieses Gedicht Busses ist in Japan heute noch gut bekannt.
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